Papst Leo und der Krieg: Eine erste Analyse von Magnifica Humanitas
- 3. Juni
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Aus meiner Sicht finden sich – entgegen den zahlreichen Schlagzeilen zu Papst Leos Aussage über die „Theorie des gerechten Krieges“ – in Magnifica Humanitas keine Aussagen, die die Lehre der Kirche grundsätzlich verändern. In demselben Satz, in dem der Papst „die Überwindung der Theorie des „gerechten Krieges““ bekräftigt, stellt er klar, dass dies „unbeschadet des Rechts auf legitime Verteidigung, die im engsten Sinne zu verstehen ist“, zu erfolgen habe.
Folglich vertritt der Papst keine pazifistische Grundhaltung. Er erkennt das Recht auf Selbstverteidigung an, wie es beispielsweise im Katechismus der Katholischen Kirche in § 2309 verankert ist, wo von den „Bedingungen, unter denen es einem Volk gestattet ist, sich in Notwehr militärisch zu verteidigen“, die Rede ist.
Dies bringt mich zu folgendem Argument: Die medial stark gehypte „Aufhebung“ der Lehre vom gerechten Krieg ist hauptsächlich eine semantische Neuerung. Papst Leo distanziert sich klar von der Begrifflichkeit des gerechten Krieges, die häufig missverstanden und zur Rechtfertigung illegitimer Gewalt missbraucht worden ist. Das Problem, das er damit jedoch nicht auflösen kann, besteht darin, dass jede nicht-pazifistische Ethik Kriterien benötigt, anhand derer sich der Einsatz militärischer Gewalt ethisch beurteilen lässt. Im katholischen Kontext sind dies nach wie vor die Kriterien der Tradition des gerechten Krieges: legitime Autorität, gerechter Grund, rechte Absicht, ultima ratio, Verhältnismäßigkeit und Erfolgsaussicht.
Mit Blick auf Künstliche Intelligenz in der Kriegsführung hat die Enzyklika einiges zu sagen. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass Papst Leo die Gefahr einer Technik betont, die „losgelöst von Ethik und Verantwortung“ operiert und die „Grenze zwischen Schutz und Aggression“ verwischt. Im Hinblick auf KI im Militär formuliert die Enzyklika eine Reihe schwerwiegender Vorbehalte: So könne die Schwelle zur Gewaltanwendung gesenkt, Verantwortlichkeit verschleiert sowie Krieg beschleunigt und entpersonalisiert werden. Der Feind werde auf „Daten“ und das Opfer auf einen „Kollateralschaden“ reduziert.
Gleichzeitig – und dies ist in der bisherigen Bewertung etwas untergegangen – spricht sich der Papst nicht gegen jede Form der KI-Nutzung in Waffensystemen aus. Er nennt sogar ausdrücklich potenziell positive Aspekte, etwa dass KI die „Verteidigung und den Schutz der Zivilbevölkerung verbessern“ könne.
Das Bild ist also differenzierter, als es in der medialen Debatte häufig dargestellt wird. Was der Papst betont – und was ich ausdrücklich begrüße –, ist die Bedeutung der ethischen Programmierung solcher Systeme. Dafür ist es notwendig, Kriterien für die Urteilsbildung zu benennen. Hierfür nennt er drei Aspekte: Erstens die Verantwortung – die Kette der Verantwortlichkeit müsse identifizierbar und überprüfbar sein. Zweitens den „Zeitrahmen des moralischen Urteils“ – Schnelligkeit und Effizienz dürften nicht zum obersten Kriterium werden. Drittens die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten sowie den Schutz der Zivilbevölkerung.
„Annahme gegen den Krieg“: Weitere Verstärkung durch KI
Abschließend möchte ich die Enzyklika aus der Perspektive der kirchlichen Tradition betrachten. Die Ankunft der KI im militärischen Bereich hat zu einer weiteren Stärkung der sogenannten „Annahme gegen den Krieg“ geführt, die unter dem Eindruck der modernen Kriegsführung erstmals aufkam und sich seitdem kontinuierlich verstärkt hat.
Die klassische Lehre vom gerechten Krieg war nicht von einer Annahme gegen militärische Gewalt geprägt. Ihr Ausgangspunkt war vielmehr die moralische Pflicht, Ungerechtigkeit entgegenzutreten. Die Tradition bei Augustinus und Thomas von Aquin war deshalb von einer presumption against injustice geprägt – also einer Annahme gegen das Unrecht. Krieg galt zwar weiterhin als tragisch und gefährlich. Im Zentrum stand jedoch nicht primär die Skepsis gegenüber dem Krieg, sondern die Verantwortung, Gerechtigkeit und Frieden notfalls auch mit Gewalt herzustellen.
Heute hingegen bildet nicht mehr die Annahme gegen Ungerechtigkeit den Ausgangspunkt, sondern die Annahme gegen den Krieg. Aus historischer Perspektive wurde diese Entwicklung durch das Aufkommen der modernen Kriegsführung ausgelöst. Unter dem Eindruck des massenhaften Tötens und der enormen Zerstörungen, die Konflikte wie der Deutsch-Französische Krieg sowie die beiden Weltkriege mit sich brachten, gelangten katholische Denker zunehmend zu der Überzeugung, dass Kriege nicht länger mit der erforderlichen Begrenzung und Zurückhaltung geführt werden könnten. Infolgedessen sei ihre Funktion als Instrument zur Herstellung von Gerechtigkeit erheblich eingeschränkt worden.
Die Möglichkeit eines nuklearen Krieges verstärkte später zusätzlich die Überzeugung, dass grundsätzlich eine „Annahme gegen den Krieg“ gelten müsse, die zunächst überwunden werden müsse, bevor militärische Gewalt überhaupt als gerechtfertigt angesehen werden könne. Die gegenwärtige Debatte über die Rolle der KI in Waffensystemen ist, so mein Argument, die Fortsetzung dieser bereits länger andauernden Entwicklung. In den Augen Papst Leos verstärkt KI die ohnehin bestehende Annahme gegen den Krieg zusätzlich.
Die Kirche hält zwar weiterhin am Recht auf Selbstverteidigung fest und vertritt damit keinen absoluten Pazifismus. Gleichzeitig werden die Bedingungen legitimer Gewaltanwendung heute deutlich restriktiver interpretiert als in früheren Jahrhunderten. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der katholischen Lehre zunehmend hin zu dem, was wir in Deutschland als „gerechten Frieden“ bezeichnen. Die zentrale Frage lautet heute weniger: „Wann darf Krieg geführt werden?“, sondern vielmehr: „Wie kann eine gerechte Friedensordnung geschaffen werden?“
Magnifica Humanitas gibt uns hierfür viel mit auf den Weg. Wenn Papst Leo beispielsweise von der „Kultur der Macht“ oder der „Rückkehr des Krieges“ spricht, dann steht für ihn die Bedeutung einer regelbasierten Ordnung sowie die Warnung vor einer Aushöhlung des Rechts im Vordergrund – beides Voraussetzungen, die für einen gerechten Frieden unverzichtbar sind. Dr. Christian Braun
