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Religion als Konflikt- und Friedensfaktor 

Religion ist ein wesentlicher, zugleich jedoch häufig unterschätzter Faktor internationaler Politik. Während sie in weiten Teilen Europas oft als nachrangig wahrgenommen wird, prägt sie in vielen Gesellschaften soziale Ordnungen und politische Dynamiken maßgeblich. 

Religion strukturiert Identitäten und beeinflusst politische Entscheidungen – oft jenseits dessen, was klassische sicherheitspolitische Analysen erfassen. 

Im Zentrum unserer Arbeit steht die Analyse ihrer Ambivalenz. Religiöse Überzeugungen, Narrative und Institutionen können Konflikte verschärfen und Gewalt legitimieren – etwa in Konflikten im Nahen Osten, in der religiösen Rhetorik Wladimir Putins zur Rechtfertigung des Angriffskrieges gegen die Ukraine oder in innergesellschaftlichen Auseinandersetzungen mit religiöser Dimension, die zunehmend auch in westlichen Gesellschaften auftreten. 

Zugleich können Religionen Vertrauen fördern, Versöhnung ermöglichen und Friedensprozesse stabilisieren. Dies zeigt sich etwa in innergesellschaftlichen Aussöhnungsprozessen wie in Südafrika oder in der Mitwirkung kirchlicher Institutionen an Friedensprozessen in Afrika sowie in Lateinamerika. 

Wir untersuchen religiöse Akteure, Deutungsmuster sowie kulturelle Prägungen in konkreten Konflikt- und Postkonfliktkontexten und vergleichen Formen religiösen Peacebuildings in unterschiedlichen religiösen Traditionen. Ziel ist es, anwendungsorientiertes Wissen zu gewinnen, das in realen Entscheidungssituationen genutzt werden kann. 

Konkrete Forschungsprojekte – etwa zur möglichen Vermittlerrolle von Christinnen und Christen in Syrien – zeigen, unter welchen Bedingungen religiöse Akteure als Brückenbauer wirken können und wo ihre Grenzen liegen. Diese Erkenntnisse unterstützen politisch Verantwortliche bei Lagebeurteilungen und strategischen Entscheidungen. 

 

Unser Ansatz: Mystik und Diapraxis 

Religiöse Friedensarbeit gelingt nicht allein durch Dialog. Dieser kann in der Praxis die Tendenz entwickeln, vor allem nach außen zu wirken oder bestehende Positionen zu bestätigen, ohne nachhaltige Veränderungen zu bewirken. 

Der Ansatz des IFME bezieht daher die Ebene gemeinsamer Erfahrung und gemeinsamen Handelns ein. Er verbindet zwei zentrale Elemente: 

  • gemeinsame spirituelle Erfahrung als Grundlage von Vertrauen und Verbundenheit  

  • Diapraxis, verstanden als gemeinsames Handeln über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg  

 

Wo Menschen gemeinsam handeln – etwa im Bildungsbereich, bei Hilfeleistungen oder Wiederaufbau –, entstehen Erfahrungsräume, in denen Vertrauen wachsen kann. Spirituelle Dimensionen wie Schuld, Vergebung, Versöhnung und Hoffnung eröffnen dabei Tiefenschichten, die rein politische oder kommunikative Ansätze oft nicht erreichen. 

Zugleich versteht unser Ansatz die gemeinsame Erfahrung einer „Nähe Gottes“ in der gelebten Spiritualität als Ausgangspunkt, um verbindende Elemente sichtbar zu machen und Trennendes zu überwinden. 

Der interreligiöse Dialog bleibt wichtig, wird jedoch bewusst eingeordnet: Er ergänzt, was durch gemeinsame Erfahrung und gemeinsames Handeln bereits angelegt ist. Nachhaltige Friedensprozesse entstehen dort, wo beides zusammenwirkt. 

 

Anwendung: Orientierung für Entscheidungsträger 

Die Arbeit des IFME ist konsequent auf Anwendung ausgerichtet. 

Durch Fieldwork in Krisen- und Postkonfliktregionen, etwa in Syrien und im Irak (Shingal), werden religiöse Dynamiken nicht abstrakt, sondern in ihrer konkreten sozialen, kulturellen und politischen Wirksamkeit analysiert. Diese empirische Grundlage ermöglicht eine realistische Einschätzung religiös geprägter Friedensansätze – einschließlich ihrer Grenzen. 

Die gewonnenen Erkenntnisse fließen gezielt in Entscheidungsprozesse ein. Das IFME unterstützt: 

  • politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, insbesondere in der Außen- und Entwicklungspolitik  

  • Akteure in Kirchen und kirchlichen Organisationen  

  • die Militärseelsorge sowie Angehörige der Streitkräfte beim Verständnis religiöser Dimensionen in Einsatzkontexten  

 

Ziel ist es, religiöse Faktoren in Konflikten systematisch einzubeziehen: um Dynamiken besser zu verstehen, Risiken frühzeitig zu erkennen und friedensfördernde Potenziale gezielt zu nutzen. 

So trägt das IFME dazu bei, Religion in der internationalen Politik nicht nur als Problem, sondern auch als Ressource zu begreifen – als einen Faktor, ohne dessen Einbeziehung nachhaltige Friedensprozesse in vielen Konflikten kaum möglich sind. 

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