Wehrpflicht – ja, nein, warum?
Friedensethische Perspektiven beim Ahauser Schlossgespräch
Wie viel Verantwortung darf eine Gesellschaft jungen Menschen für ihre Sicherheit auferlegen? Unter welchen Bedingungen kann eine Wehrpflicht gerechtfertigt werden? Und wie lässt sich Verteidigungsfähigkeit stärken, ohne den Krieg zu normalisieren? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Ahauser Schlossgesprächs am Alexander-Hegius-Gymnasium.
Auf dem Podium diskutierten der Bundestagsabgeordnete Jürgen Coße, Hauptmann Maria Eck, Jugendoffizierin der Bundeswehr, die Schülervertreterin Mia Müller und Dr. Jochen Reidegeld, stellvertretender Direktor des Instituts für Frieden & Militärethik (IFME). Moderiert wurde die Veranstaltung von Pfarrer Olaf Goos sowie den Schülerinnen Leonora Herbers und Nora Laux.

Die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler machte deutlich, dass die Diskussion über Wehrpflicht für junge Menschen keine abstrakte sicherheitspolitische Debatte ist. Eine Verpflichtung zum Wehrdienst greift unmittelbar in ihre Lebensplanung ein: in Ausbildung, Studium, Berufswahl und persönliche Freiheit. Hinzu kommt die Frage der Generationengerechtigkeit. Darf einer Generation eine weitere Last übertragen werden, die bereits mit den Folgen des Klimawandels, steigenden Wohnkosten, einer maroden Infrastruktur und der unsicheren Zukunft der sozialen Sicherungssysteme konfrontiert ist?
In seinem Beitrag verband Jochen Reidegeld die friedensethische Diskussion mit seinen Erfahrungen in den Kriegs- und Krisengebieten des Irak und Syriens. Wer Krieg erlebt habe, verliere jede Lust an martialischer Sprache. Krieg sei nicht zuerst Strategie oder Lagebild, sondern menschliche Verwüstung: Er zerstöre Körper, Familien, Lebensorte, Vertrauen und Zukunft.
Diese Erfahrungen führten jedoch noch zu einer zweiten, unbequemen Einsicht: Wehrlosigkeit schützt nicht. Gerade religiöse und ethnische Minderheiten erleben, dass ihre Schutzlosigkeit von gewaltbereiten Akteuren nicht als moralische Überlegenheit respektiert, sondern als Gelegenheit zur Vertreibung und Vernichtung genutzt wird.
Eine friedensethische Position kann sich deshalb weder mit einer vorschnellen Militarisierung noch mit einer Verklärung der Wehrlosigkeit zufriedengeben. Frieden braucht Diplomatie, Prävention, internationale Zusammenarbeit und zivile Konfliktbearbeitung. Er braucht unter den Bedingungen einer gewaltbereiten Welt aber auch die Fähigkeit, Menschen, Recht und Freiheit zu schützen.
Eine Wehrpflicht ist dabei kein pädagogisches Instrument. Sie darf nicht mit der Hoffnung begründet werden, junge Menschen zu mehr Disziplin oder Verantwortungsbewusstsein zu erziehen. Als schwerwiegender Eingriff in Freiheit und Lebensplanung ist sie nur dann vertretbar, wenn der Staat aus Gründen der Verteidigungsfähigkeit nachweislich auf sie angewiesen ist.
Hinzu kommen weitere Bedingungen: demokratische Legitimation, eine gerechte Verteilung der Lasten, die Achtung des Gewissens und des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung sowie eine fest im demokratischen Rechtsstaat verankerte Innere Führung. Entscheidend ist nicht allein, wer in einer Armee dient, sondern auch, welche Werte deren Kultur und Führung bestimmen.
Das Schlossgespräch lieferte deshalb keine einfache Antwort auf die Frage „Wehrpflicht – ja oder nein?“. Es zeigte vielmehr, welche Abwägungen notwendig sind. Wir dürfen den Krieg nicht normalisieren. Aber wir dürfen auch die Wehrlosigkeit der Schwachen nicht romantisieren. Zwischen diesen beiden Verkürzungen liegt die schwierige Aufgabe einer verantwortlichen Friedensethik.